Ohne Kultur ist's still!

Von Café Meins08.01.2021

Theater und Kinos sind geschlossen, aber Kunst ist weit mehr als das. Sie ist ein wichtiger Teil unserer Identität, weiß MEINS-Botschafterin Katerina Jacob, 62. Jetzt schreibt sie über ihr Herzensthema und sagt: Ohne Kultur ist’s still!

Ein Friseur gilt als systemrelevant, in manchen Bundesländern hatten auch Nagelstudios und Tätowierer ihre Wiedereröffnung durchgesetzt. Sie hätten gute Hygienekonzepte, brachten sie vor Gericht vor und hielten sich an Abstandsregeln. Wie soll das gehen? Im Kino geht das tatsächlich, die durften ohnehin seit Beginn der Corona-Pandemie nur noch 30 Prozent ihrer Sitzplätze besetzen. Und in Theatern, gerade in den ganz großen Spielstätten, wurden sogar die Sitzreihen komplett rausgeschraubt und durch einzelne wenige Stühle ersetzt. Warum also wird der Kultur in unserem Land komplett das Licht ausgeknipst? Wir Künstler sind gefangen in den Fängen der Politiker. Und wer aufsteht und sich lautstark beschwert, wird belächelt oder sogar beschimpft, wir haben keine Lobby.

Wir Schauspieler sind irgendwienoch immer als Gaukler verschrien. Dabei macht die Unterhaltungsbranche, diese Zahl muss man sich mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, rund 135 Milliarden Umsatz pro Jahr. Wir Unterhalter, Künstler, Entertainer, Veranstalter sind die sechststärkste Gruppe der Steuerzahler hierzulande. Und zu uns gehören noch viele, viele mehr: Maskenbildner, Klavierlehrerinnen, Kamera-Assistenten, Kabelträger, Filmcutter, Kostümbildnerinnen, Beleuchter, Eventmanager – und Dutzende Berufsgruppen mehr, von denen wir blöderweise in den Nachrichten kaum etwas hören…

Kultur ist so viel mehr – und ohne sie ist es still…

Dabei sind all jene, die andere unterhalten, gerade jetzt so wichtig. Wir Künstler haben Berufe ergriffen, die man schätzen und achten sollte
und nicht als irrelevant wegstreichen darf. Wissen Sie, wie das Leben eines
normalen Schauspielers so aussieht? Jeden Tag Theaterproben, abends Vorstellungund am Wochenende Texte lernenund das bei einem wirklich kleinen Gehalt. Diesen Nimbus des Stars, den gibt es doch kaum noch. Die, die heute von den Medien so genannt werden, das sind doch höchst
fragwürdige Möchtegern-VIPs, die in furchtbaren Trash-Shows im Privatfernsehen die schnelle Kohle machen.

Es wird höchste Zeit, dass wir uns bewusst machen, was Kultur tatsächlich ist. Nämlich nicht nur der Museumsbesuch, den wir heute sicher gut gebrauchen könnten. Herumgehen, Bilder auf sich wirken lassen – Abstand halten kann man da ausreichend. Aber der Begriff der Kultur umfasst noch so viel mehr: Unser Fernseher ist Kultur, auch wenn man das bei manchen Programmen nicht meinen möchte. Radio ist Kultur. Wenn wir sagen, wir brauchen keine Kultur, müssen wir unsere Geräte aus dem Fenster werfen. Unsere Bücher im Vorgarten verbrennen, handgeknüpfte Teppiche wegwerfen, alle Bilder und Fotos abhängen, die Gitarre zertrümmern, den gegossenen Briefbeschwerer wegwerfen und, ja, wir müssten auch unser geliebtes bemaltes Porzellan zerdeppern. Das alles ist Kultur – und ohne sie ist’s still! Und wenn der Staat das nicht mindestens so schätzt, wie er die Autoindustrie protegiert, wird es immer leiser werden und grau und leer in unserer Welt.

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