Aufreger: Seid ihr etwa was Besseres? – Café Meins

Aufreger: Seid ihr etwa was Besseres?

Von admin08.11.2019Blog5 Kommentare

Eigentlich geht unsere Autorin Angi Brinkmann, 53,  gerne shoppen. Wären da nur nicht diese überheblichen Verkäuferinnen, die sich für etwas Besseres halten...

Ich habe stressige Monate hinter mir und Lust auf einen Stadtbummel, ich würde mir gern eine kleine Belohnung gönnen. Doch: Schon beim Reingehen in die schicke Boutique falle ich quasi in den Hochflorteppich – und meine Stimmung rutscht hinterher. Die junge Verkäuferin schreitet durch wabernde Duftkerzen und chillige Loungemusik auf mich zu. Sie ist spaghettidünn und ihr Lächeln analog dazu schmallippig. „Suchen Sie wtas BESTIMMES?“, fragt sie spitzzüngig – und meint eigentlich: „Was um Himmels willen machen SIE hier?“ Das frage ich mich auch. Die Preise der Kleidchen entsprechen einem Monatslohn, und die Size-Zero-Größen scheinen sich an 15-jährigen Bloggerinnen zu orientieren. Die Verkäuferin platziert sich so presseng neben mir, dass ich mich kaum traue, die Kleiderstange durchzuschauen. Wortlos rausche ich wieder raus. Blöde Kuh!

So macht das alles keinen Spaß!

Ich möchte nicht undankbar erscheinen. Er hat es gut gemeint. Aber ich bin mit meinem alten Geldbeutel total zufrieden. Ich beschließe das teure Logo-Teilchen in ein Halstuch umzutauschen. Schöne Seidentücher hat man ja ewig. Beim Öffnen des Luxustempels reißt mir ein eckig rasierter Kerl im zu engen Wurstpellen-Anzug die Tür aus der Hand. Eine junge Frau mit wichtigem Kopfhörer erfragt duzend (!) meinen Namen und tippt mich in ihr Tablet. „Du bist gleich die Siebzehnte“, flötet es. Vor meinen Augen läuft ein Film ab: Der Laden wimmelt von Fußballerfrauen, ölvermögenden Vollverschleierten und aufgeregt zwitschernden Asiatinnen, die Luxusartikel wie Handtaschen und Koffer zu Kleinwagenpreisen kaufen, ohne zu schwitzen. Eine Stunde später verlasse ich die fremde Glitzerwelt mit einem sehr schönen Tuch durch die galant aufgehaltene Türe – und atme durch.

Jetzt aber, denke ich mir. Ich kann nicht anders. Ich flitze um die Ecke in die Boutique zurück, in der alles begann. In der Türe rufe ich der Spaghetti-Verkäuferin zu: „Kindchen, ich bewundere, mit welcher Würde Sie hier stehen, obwohl Sie wissen, dass Sie diese Kleider nur geliehen tragen können. Machen Sie sich nix draus…“ Jesses, was geht es mir gut. Ich habe mir heute echt was geleistet – nämlich, selbstbewusst zu sein!

Da ist einem doch der ganze Spaß vergällt. Was bilden sich diese jungen Dinger ein? Wenn Sie mich fragen, gucken die zu viel auf Instagram und verwechseln Online-Glitzer mit der Realität. Das echte Leben sieht aber anders aus. Da arbeiten Menschen für Geld. Wie mein lieber Gatte, der mir eine Freude machen wollte und mir eine neue Geldbörse geschenkt hat. So ein edles Markenteil mit Buchstaben-Logo. Ihr kennt das von Handtaschen, die ihre Trägerin als exklusiv, wohlhabend und besonders kennzeichnen. Accessoires dieser Kategorie sollen uns Normalsterblichen entgegenrufen: „Guck mal, meine Besitzerin ist was Besseres!“