Aufreger: Ist diese Aggressivität normal? – Café Meins

Aufreger: Ist diese Aggressivität normal?

Von Café Meins30.08.2019

Steigt uns jetzt die Hitze zum Kopf? MEINS-Autorin Angelika Brinkmann, 52, findet: Die Leute werden immer selbstsüchtiger und aggressiver im Umgang miteinander…

Es ist ein sonniger Morgen. Ich stehe in einer Bäckerei und unterhalte mich über die Saftigkeit von Roggenbrot. Brot ist in unserer Familie so eine Sache: vier Köpfe, vier Geschmäcker. Da stürzt plötzlich ein Typ an mir vorbei an die Theke und knallt zwei Euro hin. Ich lächle ihn an und frage: „Alles klar bei Ihnen? Ich würde gern noch bezahlen…“ Da faucht der in derbstem Saarländisch los: „Kann isch doch net wisse, wenn sie do hinne stehe. Quatsche Sie misch net voll, beeile Sie sisch!“ Geht’s noch?!

Als ihn die nette Verkäuferin be­schwichtigen möchte, föhnt er sie an, sie soll sich sputen, er brauche ein Baguette. Viel eher hätte der ’nen Tritt ans hässliche Männer­schienbein verdient! Als ich rauskom­me, hat er kackfrech mein Auto zuge­parkt und den Motor laufen, um seine Karre auf Temperatur zu halten. Ich bin fassungslos über so viel personi­fizierte Dreistigkeit.

Mein netter Türke ums Eck hat hinsichtlich der wachsenden Gereizt­heit eigene, kluge Ansichten: „Isch lachen nur noch. Alle hektisch und immer sagen: ICH, ICH, ICH. Was ist los mit euch? Wir sind gesund und kaufe Esse. Das Leben geht mit Ruhe viel besser. Leute vertrage heiß nischt?“ Möglich, ich fürchte allerdings, es liegt nicht nur an der tropischen Hitze mancher Sommertage. Der Klimawandel dominiert unser Leben auf allen Ebenen – unsere Gesell­schaft hat Hitzewellen. Da sitzen ganze Generationen im Klimakterium…

Wohin soll uns dieser Umgangston nur führen?

Das Leben ist doch kein Feldzug, und eine Bäckerei kein Schlachtfeld. Doch täglich werden Egomamen dieser Coleur zahlreicher. Diese Menschen sind unzufrieden mit sich und der Welt, und sie verlieren sich im Irrglauben, man wolle ihnen etwas wegnehmen. Das macht jeden Mitmenschen zum potenziellen Feind – Ellenbogen raus und lautstark „Platz da!“ rufen, so sieht’s aus. Da macht sich eine Mentalität breit, die kein Mit­einander wünscht. Wir brauchen dringend wieder gute Hormone für unsere kranke Gesellschaft – Botenstoffe voller positiver Energien. Achtsamkeit kommt von Achtung. Wir sollten wachsam sein und Egoismus, Respektlosigkeit und Aggressivität nicht stumm dulden. Nur zusammen sind wir stark.

Ich jedenfalls halte meine Klappe nicht, ob ich persönlich betroffen bin oder beobachte, wenn andere unver­schämt angegangen werden. Ich wehre mich! Erst letztens stand ich an der Kasse hinter einer alten Dame, die in ihren kleinen Händen das Münz­geld zählte. Der Kerl hinter mir sprang fast aus seiner lotterigen Hose und schäumte vor Wut. Ich drehte mich um und sagte ihm völlig ruhig, dass ich mich für Leute wie ihn schäme. Das saß! Und das Lächeln der alten Lady war mein schönster Lohn.

 

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